35 Jahre Landeszentrale für politische Bildung Sachsen-Anhalt – Ein persönliches Wort des Direktors
Wenn ich heute auf 35 Jahre Landeszentrale für politische Bildung Sachsen-Anhalt blicke, spüre ich vor allem Dankbarkeit – für das Vertrauen der Menschen in unserem Land, für das Engagement zahlloser Partnerinnen und Partner und für die Kolleginnen und Kollegen, die politische Bildung nicht als Job, sondern als Haltung verstehen. Unsere Arbeit ist herausfordernd, ganz gewiss, gerade in diesen Zeiten: unabhängig, überparteilich und den Grundrechten verpflichtet, nicht werteneutral. Wir wollen politische Urteilsfähigkeit stärken, Teilhabe ermöglichen und aufzeigen, wie Demokratie im Alltag erfahrbar ist. Genau das ist seit unserer Gründung unser Kompass – und er bleibt es.
Dieses Jubiläum fällt in eine Zeit voller Ambivalenzen. Der jüngste Sachsen-Anhalt-Monitor 2025 zeigt eine Gesellschaft zwischen hoher Lebenszufriedenheit und politischer Verunsicherung, mit großem Bekenntnis zur Demokratie und zugleich Skepsis gegenüber ihrem Funktionieren. Inzwischen wird unser demokratisches Zusammenleben auch durch gezielte Angriffe von einer Partei herausgefordert sowie durch die Sehnsucht vieler Menschen nach vermeintlich einfachen Lösungen. Diese Spannungen ernst zu nehmen, ohne überhöht alarmistisch zu werden, gehört zu unserem Selbstverständnis. Wir schaffen Räume, in denen sich Menschen im demokratischen Sinne austauschen können: informiert, respektvoll, zugewandt.
Was mich besonders stolz macht, sind die vielen konkreten Brücken, die wir in den vergangenen Jahrzehnten mit gebaut und gefestigt haben:
- Gedenken und historisches Lernen: Rund um die vielen Gedenktage halten wir die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus wach – nicht als Ritual, sondern als Auftrag für die Gegenwart, aus Verantwortung. Begegnungen mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen waren und sind noch immer ein wesentlicher Bestandteil unserer Arbeit. Erinnern möchte ich an Batsheva Dagan oder Anastasia Gulej, die so schreckliche Lager wie Auschwitz überlebt haben und denen es immer ein Anliegen war und noch ist, mit jungen Menschen ins Gespräch zu kommen. Die Förderung von Gedenkstättenfahrten in ganz Europa sind ein wesentlicher und erfolgreicher Teil unserer kontinuierlichen Arbeit.
- Kontinuität und Erneuerung im Programm: Mit landesweiten Angeboten haben wir 2025 wieder viele zehntausend Menschen erreicht. Tage der offenen Tür, Veranstaltungen, Publikationen, Ausstellungen und digitale Formate: Politische Bildung findet dort statt, wo Menschen leben, lernen und arbeiten.
- Kooperationen, die tragen: Wir arbeiten partnerschaftlich mit Schulen, Vereinen, Gedenkstätten, Kommunen, Wissenschaft und Zivilgesellschaft zusammen. Diese Zusammenarbeit ist mehr als Organisation – sie ist demokratische Praxis und führt zu fruchtbringenden Ergebnissen.
Zu unseren inhaltlichen Schwerpunkten gehören die politische Zeitgeschichte und Landesgeschichte, Europa und internationale Politik, Menschenrechte, Medien- und Demokratiekompetenz sowie die Auseinandersetzung mit antidemokratischen Tendenzen und Extremismus. Gerade in Zeiten von Desinformation und Polarisierung sorgen wir für Einordnung, Quellen, Gespräch – und für das Handwerkszeug, das jeder und jede braucht, um sich eine eigene, begründete Meinung zu bilden.
Wir blicken auch über den Tellerrand Sachsen-Anhalt hinaus. Wir kooperieren mit anderen Zentralen der politischen Bildung, sind mit Projekten und Kooperationen in unseren europäischen Partnerregionen in Centre Val de Loire (Frankreich) und Masowien (Polen) unterwegs. Die langjährigen Projekte im Rahmen von „Mémoires croisées – sich erinnern, sich begegnen“ oder die enge Zusammenarbeit mit der Gedenkstätte in Treblinka sind Zeichen dafür. Persönlich hoffe ich, dass wir auch den Austausch zwischen ukrainischen und sachsen-anhaltischen Jugendlichen bald wieder aufnehmen können.
35 Jahre – das schafft viel Erfahrung, gibt aber kein Grund zur Selbstzufriedenheit. Wir werden weiter:
- Angebote dorthin bringen, wo sie gebraucht werden – in Schulen, Vereine, Betriebe, ländliche Räume und Städte.
- Erinnerungskultur mit Gegenwartsfragen verknüpfen – Antisemitismus, Rassismus und jede Form von Menschenfeindlichkeit klar benennen und demokratische Resilienz stärken.
- junge Menschen gezielt ansprechen – mit zeitgemäßen Formaten, die informieren, beteiligen und ermächtigen.
- wissenschaftliche Befunde wie den Sachsen-Anhalt-Monitor als Arbeitsgrundlage nutzen – transparent, kritisch, dialogorientiert.
Ich bin in dieser Zeit aber auch dankbar für das Mutmachen vieler Menschen unser Einrichtung gegenüber. Sehen wir uns doch immer wieder unflätigen und falschen Anwürfen ausgesetzt.
Ausdrücklich bedanken möchte ich mich bei den Mitgliedern des Kuratoriums, die unsere Arbeit konstruktiv begleiten.
Danke sage ich auch meinen Amtskolleginnen und Amtskollegen für die guten Worte und das Vertrauen, wissen sie doch sehr wohl, worum es in dieser Zeit geht.
Mein Dank gilt nicht zuletzt allen, die diese Landeszentrale tragen: dem Team in Magdeburg und allen ehemaligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, unseren Partnerinnen und Partnern im Land und darüber hinaus, den Engagierten in Initiativen, Gedenkstätten und Kommunen – und vor allem den Bürgerinnen und Bürgern, die unsere Veranstaltungen besuchen, unsere Materialien lesen, widersprechen, nachfragen, mitgestalten. Demokratie ist herausfordernde Arbeit. Aber sie ist vor allem eine gemeinsame notwendige Zumutung zum Besseren.
Lassen Sie uns die nächsten Jahre mit derselben Mischung aus Klarheit und Offenheit angehen: faktenbasiert, zugewandt, streitbar im besten Sinne. Politische Bildung ist keine Feuerwehr für Krisenmomente – sie ist die tägliche Pflege unserer Freiheit. Dafür stehen wir – seit 35 Jahren und morgen erst recht.
Maik Reichel, Direktor der Landeszentrale für politische Bildung

