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Konferenz des Netzwerkes für Demokratie und Toleranz 2019

Es war ein eindrückliches Plädoyer für einen aufgeklärten Patriotismus, das die Schriftstellerin und Philosophin Thea Dorn zum Abschluss der Konferenz des Netzwerkes für Demokratie und Toleranz im Magdeburger Gesellschaftshaus ablieferte. Die Menschen müssten ein Gespür für das eigene Land entwickeln, aber auch für die gefährlichen Tendenzen, erklärte sie in dem Abschlussgespräch der Tagung unter dem Motto „Heimat, Nation, Identität – (k)ein Thema für Demokraten?“. Eine Tabuisierung heize die Probleme jedenfalls nur weiter an, sagte die Autorin, die ihre aktuelle Streitschrift „Deutsch, nicht dumpf“ mit im Gepäck hatte. Zudem sei es gefährlich, Begriffe wie Heimat und Nation den Rechten zu überlassen. Sie glaube vielmehr, dass es gelingen müsse, eine positive Identität, einen positiven Bezug zu diesem Land zu finden.

Einfache Antworten gab es ohnehin nicht auf die Frage, ob „Heimat, Nation, Identität – (k)ein Thema für Demokraten? seien, aber differenzierte Sichtweisen schon. So nahm der Freiburger Historiker Jörn Leonhard die 130 Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit auf eine Zeitreise ins 19. Jahrhundert und skizzierte in einem Überblick verschiedene Ansätze von Nationalstaaten in Westeuropa und das, was mit den Begriffen Nation und Nationalismus zu dieser Zeit verbunden war. So sei die Nation Ende des 19. Jahrhundert im deutsch-französischen Vergleich keineswegs nur als ethnische Gemeinschaft gesehen worden, sondern auch als „Willensgemeinschaft“. Auch räumte er mit dem Klischee auf, der deutsche Nationalstaat von 1871 wäre nur als Obrigkeitsstaat empfunden worden, „er war auch Fortschrittsmodell und Sozialstaat“. Die Kontroversität sei ein Teil der Spezifik der deutschen Frage nach der Nation. Was das für uns heute bringt? „Man lernt aus der Geschichte, indem man in der Gegenwart mehr sieht“, zeigte sich der Historiker überzeugt.

Den Blick nach Osten und auf aktuelle Konflikte lenkte schließlich Dr. Volker Weichsel, Redakteur der Zeitschrift Osteuropa, der kurzfristig für den ursprünglich vorgesehenen Referenten eingesprungen war. In seinem Vortrag ging es insbesondere um den Nationalismus im Osten Europas in Geschichte und Gegenwart. Dabei stellte Weichsel nicht nur die aktuellen Entwicklungen in Ungarn und Polen ins Zentrum, sondern thematisierte auch das schwierige Verhältnis von Ukrainern und russischen Separatisten in der Ostukraine. Zudem machte er deutlich, dass die „Mobilisierung der nationalen Elemente gegen die EU fadenscheinig“ sei. Es handele sich hier vielmehr um ein autokratisches Verständnis von Politik, das sich gegen die Gewaltenteilung in der EU richte, betonte der Politikwissenschaftler.

Dass der Nationalismus auch in Deutschland niemals ganz weg gewesen ist, verdeutlichte die Jenaer Historikerin Franka Maubach in einem der Gesprächsforen, in dem sie das Buch „Zur rechten Zeit. Wider die Rückkehr des Nationalismus“ vorstellte. Dabei ging sie insbesondere auf die unvollständige Entnazifizierung, die Erfolge der NPD in den 1960er Jahren, den Türkenhass und die Ausländerfeindlichkeit in den 1980er Jahren in der alten Bundesrepublik sowie die fremdenfeindlichen Übergriffe und pogromartigen Ausschreitungen nach der deutschen Wiedervereinigung ein. Die anderen Workshops fragten, warum die Grenze zwischen guten Patrioten und bösen Nationalisten nicht so leicht zu ziehen ist, wie die Neue Rechte und die Identitäre Bewegung Themen wie Heimat und Identität debattierten oder woher der Wunsch nach einer homogenen Heimat besonders im ländlichen Raum kommt.

Ministerpräsident Reiner Haseloff, der die Konferenz als Schirmherr eröffnet hatte, lobte angesichts der aktuellen Debatten die Themenwahl. Die Landezentrale habe in komplizierten Zeiten den richtigen inhaltlichen Akzent gesetzt, um weiter über die Frage von Nation, Heimat und Identität nachzudenken. Ein Anfang ist jedenfalls gemacht.